{"id":43,"date":"2013-05-15T17:07:50","date_gmt":"2013-05-15T15:07:50","guid":{"rendered":"https:\/\/klang.mur.at\/?page_id=43"},"modified":"2013-05-29T19:39:13","modified_gmt":"2013-05-29T17:39:13","slug":"sehen-ohne-augen-zum-hortheater-der-handschuh-des-immanuel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/klang.mur.at\/?page_id=43","title":{"rendered":"sehen ohne augen &#8211; zum h\u00f6rtheater der handschuh des immanuel."},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Vermutlich gibt es nur wenige Werke, die der von ihrem Sch\u00f6pfer verk\u00fcndeten \u00e4sthetischen Doktrin voll entsprechen. In der Regel geraten Kunstwerke in komplizierte Bez\u00fcge zu den rein \u00e4sthetischen Idealen ihres Autors. Sie beschr\u00e4nken sich nicht auf sie, da die k\u00fcnstlerische Struktur immer reicher als das ihr zugrundeliegende theoretische Schema ist.&#8220; (Andrej Tarkowskij)<\/p>\n<p>A theater ohne drama.<br \/>\n*<br \/>\nWie in &#8222;k\u00f6nigin \u00f6k&#8220; geht es nicht um Geschichten oder Personen, sondern um Zust\u00e4nde, nicht um sich zuspitzende K\u00e4mpfe zwischen Gegens\u00e4tzen, sondern um die Parallelit\u00e4t und Gleichzeitigkeit von Verschiedenem. Der Hauptunterschied besteht darin, da\u00df in &#8222;der handschuh des immanuel&#8220; Musik nicht nur sie selbst sein soll, sondern gleichzeitgig auch den Raum darstellt: Musik spielt eine Rolle. Sichtbares wird zu H\u00f6rbarem und dadurch in gewissem Sinne R\u00e4umliches zu Zeitlichem, denn eigentlich ist r\u00e4umliches H\u00f6ren nichts anderes als H\u00f6ren von Zeitdifferenzen. Raum wird in der Zeit entfaltet und erst durch Zeit H\u00d6Rbar: Der auf einen Blick \u00fcbersehbare Raum wird zu Bewegung in der Zeit. Der Vorgang ist also umgekehrt als gew\u00f6hnlich: wir \u00fcbersetzen immer Zeit in Raum (z.B. der Weg der Zeiger auf dem Ziffernblatt der Uhren) der Versuch von &#8222;der handschuh des immanuel&#8220; ist es Raum in Zeit zu \u00fcbersetzen. Das Paradoxe daran ist nun, da\u00df das was eigentlich am st\u00e4rksten dem optischen Bereich zugeordnet wird, n\u00e4mlich der Raum, der zentrale Punkt dieses H\u00f6rtheaters ist. &#8222;der handschuh des immanuel&#8220; will keine szenische Musik sein, sondern musikalische Szene.<br \/>\nB china ohne kaiser.<br \/>\n*<br \/>\nDer Aachener Dom ist als zentraler Teil der ehemaligen Kaiserpfalz architektonischer Raum gewordene Staatsideologie und religi\u00f6ses Weltbild aus dem 8.JH. Der Kaiser ist Vermittler zwischen christlichem Gott und den Menschen; er vereinigt die Funktion des Hohepriesters und des absoluten Herrschers in einem theokratischen fundamentalistischen Staat und herrscht nach dem Vorbild des alttestamentarischen, tyrannischen Gottes. Das Oktogon als Verbindung des Kreises (Symbol des G\u00f6ttlichen) mit dem Quadrat (Symbol des Menschlichen) steht als Symbol f\u00fcr die Funktion des Kaisers in seiner Person beide Bereiche zu verbinden.<br \/>\n*<br \/>\nWie in einer chinesischen Schachtel entsteht im Oktogon ein utopischer Gegenraum aus Klang, ein Raum der Asymmetrie und Flie\u00dfen dem statischen, monumentalen realen Raum entgegensetzt. In der Zeit werden die beiden R\u00e4ume h\u00f6rbar gemacht und entfaltet, indem jedem der R\u00e4ume eine musikalische Schicht entspricht, wobei sich das Material der Oktogon-Schicht auf die Musik um 800 bezieht, sich also auf die pythagor\u00e4ischen Intervalle, auf den gregorianischen Choral und einfache Quintorgana beschr\u00e4nkt, mit strengen ritualhaften Zeitproportionen arbeitet und Texte aus den alttestamentarischen Psalmen verwendet. Der utopische Raum bleibt nur h\u00f6rend erfahrbar und in der Zeit ohne sichtbare Spuren vergehend. Das Material sind zarte Fl\u00e4chen aus Ger\u00e4uschen und Teiltonstrukturen. Den Texten der Psalmen entspricht die Sprachlosigkeit und das Schweigen.<br \/>\n*<br \/>\nDie beiden R\u00e4ume lagern sich \u00fcber- oder ineinander ohne in einen dramatischen Konflikt zu geraten. Auch wenn ein neuer Raum in den alten gesetzt wird, so bleibt der alte im Hintergrund als Basis auf der alles Neue beruht und von der es sich abgrenzt erhalten, andererseits wird auch das Bestehende nur durch das Neue wieder bewu\u00dft gemacht und durch das andere Licht auch ver\u00e4ndert.<br \/>\nC sinn ohne bedeutung.<br \/>\n*<br \/>\nBeide R\u00e4ume sind einfach, klar und reduziert, in diesem Sinne auch abstract, allerdings mit zwei grunds\u00e4tzlich verschiedenen Intentionen.<br \/>\na<br \/>\n&#8222;Sch\u00f6nheit ist das Strahlen der Wahrheit.&#8220; (Augustinus)<br \/>\nDieses Augustinus-Zitat wurde sehr gerne von Mies van der Rohe gebraucht, der immer an der Idee einer dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild zugrundeliegenden und dieses transzendierenden Essenz festhielt. Ein Gedanke der die ganze europ\u00e4ische Kunsttradition durchzieht und dessen fr\u00fche Frucht auch das Oktogon des Aachener Domes ist. Im Oktogon herrscht Klarheit um der Hintergrundstruktur willen; das Bauwerk macht die Struktur der Zahlen und der Geometrie sichtbar, welche wiederum als Symbol der kosmischen Ordnung fungiert. Alle intellegible Sch\u00f6nheit wird nur Abbild oder Abglanz der dahinter- oder zugrundeliegenden g\u00f6ttlichen Sch\u00f6nheit aufgefa\u00dft. Die abstrakte Struktur dieser Sch\u00f6nheit kann ausgedr\u00fcckt werden durch Zahlen und Zahlenproportionen welche die ewigg\u00fcltigen und unver\u00e4nderlichen Gesetze denen alles unterliegt darstellen. Die Zahl sechs ist nach Augustinus nicht deshalb die Zahl der Vollkommenheit, weil Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen hat, sondern umgekehrt: Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen, weil die Zahl acht vollkommen ist. Das Geb\u00e4ude ist selbst Manifestation dieses &#8222;Gesetzesdenkens&#8220;. Alles verweist auf etwas oder erf\u00fcllt seine ihm zugeschriebene Funktion im durch gottgegebene Gesetze geordneten Ganzen. Das Einzelne wird Teil des Ganzen und l\u00f6st sich in seiner Hierarchie auf. Eng verkn\u00fcpft mit dieser religi\u00f6s-kosmologischen Bedeutung steht nat\u00fcrlich auch die real-politische: Das Modell der himmlischen Hierarchie wird als Vorbild auch f\u00fcr die Herrschaftsstruktur auf dieser Welt gesehen.<br \/>\nb<br \/>\n&#8222;No illusions, no illusions.&#8220; (Donald Judd). &#8222;Zu keiner Zeit sollen Illusionen aufkommen.&#8220; (Zen-koan)<br \/>\nEine andere Tradition von Abstraction gibt es in japanischer vom Buddhismus beeinflu\u00dfter Kunst und im amerikanischen Minimalismus. Ein wesentlicher Gedanke des Mahayana-Buddhismus der speziell im japanischen Zen-buddhismus ausgepr\u00e4gt wurde ist der, da\u00df das Transzendente das Konkrete ist, da\u00df kein Gegenstand auf etwas Transzendentes verweist, weil alles das Transzendente in sich tr\u00e4gt, weil alles Konkrete das Transzendente ist. Es gibt also keinerlei hierarchische Ordnung, denn jeder Gegenstand ist gleichwertig. Alles soll so wahrgenommen werden wie es ist, nicht als etwas das auf etwas anderes verweist: Der leere Kreis verweist auf nichts, ist nur er selbst, kann nicht analysiert werden. Indem er auf nichts verweist kann er eine \u00dcberwindung der Distanz zwischen Betrachter und Betrachtetem erreichen, denn Distanz entsteht durch Interpretation und Analyse, also durch die Suche nach Verweisen. Frank Stella: &#8222;My painting, is based on the fact that only what can be seen is there. It`s really an object (&#8230;) What you see is what you see.&#8220; Zabalbeascoa und Marcos schreiben \u00fcber die &#8222;minimal art&#8220; der 60er Jahre: &#8222;The work could be immediately grasped in its entirety. All there was to see in objects was their actual presence. Anybody could understand them at first sight.&#8220; Abstraktion kann also auch gesehen werden als Versuch Objekte m\u00f6glichst von aller Bedeutung zu befreien. Sie dienen keinem Zweck auch nicht dem auf etwas anderes zu verweisen. Sie stehen nur f\u00fcr sich, sie sind frei. &#8222;The ordering isn&#8217;t rationalist or essential, just simple ordering, such as continuity, one thing behind another.&#8220; (Donald Judd) Der neue H\u00f6r-Raum ist in diesem Sinne abstract und reduziert und nicht um eine symbolisch bedeutungsschwangere Struktur h\u00f6rbar zu machen. Er ist Utopie nicht als Gegenentwurf zum karolingischen Staats- und Weltbild im Sinne einer anderen Utopie, sondern viel radikaler: Die Utopie des H\u00f6rraumes besteht darin zu sein ohne zu repr\u00e4sentieren, denn der Wert alles Existierenden liegt in seiner Existenz und nicht in seiner Funktion.<br \/>\nkonstanz ohne konstanz<br \/>\n*<br \/>\nMan hat in den Zahlen das unverg\u00e4nglich Ewige gefunden geglaubt: Sichtbarer Ausdruck ist Stein als quasi unverg\u00e4ngliches Medium. Im Gegensatz zu Stein ist Klang extrem verg\u00e4nglich, ist geradezu eine Versinnbildlichung der Verg\u00e4nglichkeit. Doch, ist nicht gerade das st\u00e4ndige Vergehen das eigentlich Unverg\u00e4ngliche?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vermutlich gibt es nur wenige Werke, die der von ihrem Sch\u00f6pfer verk\u00fcndeten \u00e4sthetischen Doktrin voll entsprechen. In der Regel geraten Kunstwerke in komplizierte Bez\u00fcge zu den rein \u00e4sthetischen Idealen ihres Autors. 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