{"id":373,"date":"2013-05-29T00:57:39","date_gmt":"2013-05-28T22:57:39","guid":{"rendered":"http:\/\/klang.mur.at\/?page_id=373"},"modified":"2013-05-29T01:10:47","modified_gmt":"2013-05-28T23:10:47","slug":"wie-sas-cavallieri","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/klang.mur.at\/?page_id=373","title":{"rendered":"wie sa\u00df cavallieri?"},"content":{"rendered":"<p><b>wie sa\u00df cavallieri?<\/b><\/p>\n<p>&#8222;<i>The fire is at its last click, I am sitting with my back to it with one foot rather askew upon the rug and the other with the heel a little elevated from the carpet\u2026These are trifles &#8211; but\u2026could I see the same thing done of any great man long since dead it would be a great delight: as to know what position Shakespeare sat when he began &#8222;To be or not to be.<\/i>&#8220; (John Keats, Letters, S. 223)<br \/>\nGenauso wie Keats k\u00f6nnten wir uns fragen, wie denn Shakespeares Zeitgenosse Cavallieri sa\u00df, als er sich eine andere gewisserma\u00dfen noch grundlegendere Dimension unserer Existenz zum Thema machte, indem er &#8222;il tempo&#8220;, die Zeit erfand? Denn erst durch diese Idee der Zeit kann es Begriffe wie &#8222;Verg\u00e4ngliches&#8220; und &#8222;Tod&#8220;, &#8222;sein&#8220; und &#8222;nicht sein&#8220; geben.<br \/>\nSo wie Keats sich auf Shakespeare und wir uns auf Cavallieri beziehen, bezieht sich Kunst immer auf ihre eigene Geschichte. Eigentlich gibt es nur eine Hand voll von Grundproblemen und Grundfragen, die die Kunst jeder Zeit f\u00fcr sich neu formuliert und um deren L\u00f6sungen und Antworten sie ringt, auch indem sie sich auf die Kunstgeschichte bezieht oder versucht sich von bestimmten Aspekten der Geschichte abzugrenzen.\u00a0Gro\u00dfe Kunst ist immer eine kreative Auseinandersetzung mit Geschichte, nicht ein fundamentalistisches Nachbeten von Regeln. Das geistlose Befolgen von Regeln ist immer ein Zeichen von Angst und Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, genauso wie der kindisch-pubert\u00e4re Bruch von Regeln als Selbstzweck. Regeln versuchen den &#8222;Geist&#8220; von Kunst, einen eigentlich unfa\u00dfbaren Gehalt in eine fa\u00dfbare Form zu bringen, sie sind immer nur Wegweiser, immer nur Hinweistafeln (deshalb ist es auch so absurd zu sehen wie diese Schilder verehrt werden und nicht das, worauf sie eigentlich weisen). Regeln weisen eigentlich &#8211; in einem scheinbaren Paradox &#8211; einen Weg zur Freiheit.\u00a0Diejenigen, welche Regeln mi\u00dfverstehen, indem sie sie in Gesetze zur &#8222;Pflege&#8220; der Tradition verwandeln, sind eigentlich die, die diese Tradition, die sie bewahren wollen verlassen. Der orthodoxe Fundamentalist ist derjenige, der mit der Tradition bricht, indem er versucht einen lebendigen Proze\u00df zu einem bestimmten Zeitpunkt &#8222;einzufrieren&#8220;.\u00a0&#8222;<i>Als man den Ropschitzer Zaddik, einen der gro\u00dfen Sch\u00fcler des Sehers von Lublin, fragte: &#8218;Warum lebst du nicht nach der Weise deines Lehrers?&#8216;, sagte er: &#8218;Im Gegenteil, ich folge ihm durchaus; so wie er seinen Lehrer verlassen hat, so verlie\u00df ich ihn.&#8216;<\/i>&#8220; (Gerschom Scholem)<br \/>\n*<br \/>\nSo wie Cavalieri sich auf die Antike bezieht, beziehe ich mich in der Cavallieri-Bearbeitung, wie in vielen meiner Arbeiten auf Kompositionstechniken der Renaissance (kanonisch-kontrapunktische Techniken, Zahlenproportionen, ein Stimmungssystem von Francisco de Salinas, Raumklang (cori spezzati der venzianischen Schule), Figuration, Diminuition, etc.)<br \/>\nDer Bezug zwischen den Akten und den Intermedien wird sowohl durch die Anwendung von Kompositionstechniken der Renaissance, als auch durch das Ableiten beziehungsweise \u00dcbernehmen von konkreten zeitlich-formalen Strukturen aus der rappresentatione hergestellt. Die Intermedien sind zeitlich gestauchte Spiegelungen der Akte, die formale Struktur wurde dabei genau \u00fcbernommen, die konkrete Klanggestalt neu komponiert, wobei auch das gesamte Klangmaterial der Intermedien das gleiche ist, das auch der rappresentatione zugrunde liegt: diatonische Skalen mit den Zentralt\u00f6nen G und D.<br \/>\nAber, und das ist der entscheidende Punkt: So wie Cavalieri die Antike f\u00fcr seine Zeit fruchtbar gemacht hat wird in &#8222;fulgur harmoniae.&#8220; versucht nicht einfach die \u00e4u\u00dferen Formen zu kopieren, sondern das gleiche Material anders zu h\u00f6ren, anders zu sehen, aus einer anderen Perspektive: mit den Ohren und dem Bewu\u00dftsein von heute.<br \/>\nDas, was man eine neue wissenschaftliche oder k\u00fcnstlerische Erkenntnis nennt ist nichts anderes als ein Wechsel der Sichtweise: Seit tausenden von Jahren arbeiten die Musiker mit dem gleichen \u00e4u\u00dferst einfachen Grundmaterial: der Luft und der Schwingung ihrer Molek\u00fcle. Doch auf wie unendlich viele verschiedene Weisen, welche unendlichen R\u00e4ume kann man in ein bi\u00dfchen schwingender Luft entdecken, wenn man nur lange genug sucht.<br \/>\n*<br \/>\nKunst ist, ob gewollt oder nicht ein Spiegel des Weltbildes ihrer Zeit, das wiederum ein Resultat der Geschichte ist. Wir k\u00f6nnen nicht so komponieren wie vor hundert Jahren, weil wir in einer anderen Welt leben und die Welt ganz anders sehen.\u00a0Die rappresentatione ist ein zutiefst ideologisches, wenn nicht gar propagandistisches St\u00fcck, aus einer Zeit gro\u00dfer geistiger Umbr\u00fcche, in der jedes St\u00fcckchen geistiger Freiheit mit Blut und Asche erkauft werden mu\u00dfte von einer herrschenden Religion die meinte (und immer noch meint) im Besitz der einzigen heilbringenden Wahrheit zu sein.\u00a0Wie verh\u00e4lt Kunst sich heute dazu, in einer Zeit die ebenso gespalten ist, in Fundamentalismus einerseits und der Erfahrung einer Wirklichkeit mit tausenden Fragen und keinen endg\u00fcltigen Antworten?<br \/>\nKunst darf niemals in die Falle gehen einer Ideologie einfach mit einer entgegengesetzten zu begegnen, sie darf auch nicht zu einem Eskapismus in eine geordnete, geregelte und heile Welt werden: Sie mu\u00df im Gegenteil einen Geist des Fragens und des Suchens aufrecht erhalten, ihre Aufgabe kann es nicht sein Antworten zu geben, sondern sie mu\u00df ganz im Gegenteil immer wieder aufs neue Fragen stellen. Kunst kann und mu\u00df uns durch Fragen \u00f6ffnen, sie darf unseren Geist nicht durch vermeintliche L\u00f6sungen schlie\u00dfen oder uns in einen dumpfen benebelnden Rausch forttragen.\u00a0Kunst ist auch nicht Philosophie, sie stellt Fragen nicht in der Form rationaler Analyse. Sie kann uns aber ein intuitives Erleben eines Zustandes gro\u00dfer innerer Wachheit und Offenheit erm\u00f6glichen. In diesem Zustand des Flie\u00dfens zu verbleiben und die Sch\u00f6nheit dieses best\u00e4ndigen Wandels erfahrbar zu machen &#8211; vielleicht ist das die wichtigste Rolle von Kunst in dieser heutigen Welt.<br \/>\n*<br \/>\n&#8222;<i>If the doors of perception were cleansed, every thing would appear to man as it is: Infinite.<br \/>\n<\/i><i>For man has closed himself up, till he sees all things thro&#8216; narrow chinks of his cavern.<\/i>&#8220;<br \/>\n(William Blake, Marriage of heaven and hell, plate 14)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wie sa\u00df cavallieri? &#8222;The fire is at its last click, I am sitting with my back to it with one foot rather askew upon the rug and the other with the heel a little elevated from the carpet\u2026These are trifles &#8211; but\u2026could I see the same thing done of any great man long since dead [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-373","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/373","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=373"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/373\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":378,"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/373\/revisions\/378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/klang.mur.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=373"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}