{"id":289,"date":"2013-05-28T14:36:24","date_gmt":"2013-05-28T12:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/klang.mur.at\/?page_id=289"},"modified":"2013-05-28T23:12:56","modified_gmt":"2013-05-28T21:12:56","slug":"text-deutsch-test","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/klang.mur.at\/?page_id=289","title":{"rendered":"distanz und figuration."},"content":{"rendered":"<p><b>1.<br \/>\n<\/b><b>wie bitte?!<br \/>\n<\/b>Ein Gitarrist hat mir erz\u00e4hlt, da\u00df er als Kind ein zweites Loch in die Resonanzdecke seiner Gitarre ges\u00e4gt hat, um lauter spielen zu k\u00f6nnen, also um einer gr\u00f6\u00dferen Menge von Klang die M\u00f6glichlkeit zu geben aus dem Dunkel des Korpus hinauszukommen. Mein Weg die Distanz zum Klang zu verk\u00fcrzen ist umgekehrt, n\u00e4mlich &#8211; wie eine Maus die sich ein Loch in ein Instrument gefressen hat &#8211;\u00a0 in den Korpus hinein.\u00a0(Wobei Distanz nat\u00fcrlich etwas mit Dynamik zu tun hat das Verh\u00e4ltnis aber ein sehr komplexes ist. Ein verst\u00e4rkter, aber leise gespielter Klang ist etwas grunds\u00e4tzlich anderes als ein laut gespielter Klang mit der gleichen gemessenen Dezibelanzahl.)\u00a0In der Musik der Renaissance haben sich zwei wichtige musikalische Formen entwickelt: Die Toccata und das Ricercar. Die Namen dieser Formen, das Ber\u00fchren (toccare) und das Erforschen (ricercare) spiegeln eine Grundhaltung zur Musik, der ich mich sehr nahe f\u00fchle. Musik wird gedacht nicht als Erfindung oder Ausdruck, sondern eben als Finden und Erforschen von Klang. Kl\u00e4nge werden nicht erfunden und dann dazu benutzt, um etwas auszusagen, sondern sie werden durch Abtasten gefunden und mit Hilfe der Kompositionstechnik erforscht.\u00a0Alle diese f\u00fcr den H\u00f6rer nur schwer durchschaubaren komplexen kontrapunktischen Konstruktionen und strengen Strukturen dienen dem Ziel den Kl\u00e4ngen an und f\u00fcr sich Raum zu geben, sich zu entwickeln, in all ihrer Sch\u00f6nheit und Vielfalt. Dabei versucht der Komponist nicht als Wissenschaftler die Struktur der Kl\u00e4nge nach den Verfahren seiner wissenschaftlichen Weltanschauung zu analysieren, sondern er ist bestrebt die nur intuitiv erfahrbare F\u00fclle und Tiefe der Kl\u00e4nge freizulegen.\u00a0Zuh\u00f6ren ist f\u00fcr mich kein Vorgang des Dechiffrierens von Botschaften vom Komponisten, Klang wird nicht benutzt, um etwas darzustellen oder auszudr\u00fccken, sondern im Gegenteil: klare Form und strenge Struktur dienen dazu, den Klang fa\u00dfbar zu machen, ihm &#8211; in einem sch\u00f6nen Paradox &#8211; die Freiheit zu geben sich zu entwickeln und dem H\u00f6rer die Gelegenheit das zu h\u00f6ren was zu h\u00f6ren ist.\u00a0Auch mein Fokus als Komponist liegt auf dem Klang an und f\u00fcr sich. Nachdem ich es als meine Aufgabe ansehe dem Klang die M\u00f6glichkeit zu geben seine in ihm liegende Kraft und Sch\u00f6nheit zu entfalten und diese zug\u00e4nglich und h\u00f6rend erlebbar zu machen, stellt sich mir die Frage, in welchem Zustand seine Reicht\u00fcmer am leichtesten zug\u00e4nglich gemacht werden k\u00f6nnen.\u00a0Die im ersten Augenblick paradox erscheinende Antwort ist die, da\u00df der reichste Klang der leiseste Klang ist.\u00a0Das &#8222;pianissimo&#8220;\u00a0 ist das akustische Equivalent zum visuellen Horizont. Es ist die Grenze zum nicht mehr wahrnehmbaren also die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Weite und das Kleinste in einem. Spielt jemand so leise wie m\u00f6glich entsteht der Eindruck der Klang sein zugleich ganz nahe und ganz weit weg.\u00a0Man k\u00f6nnte sagen, ein leiser Klang ist wie ein &#8222;M\u00f6glichkeitsklang&#8220; im Gegensatz zum &#8222;Wirklichkeitsklang&#8220; des Lauten, das sich eindeutig, quasi vollst\u00e4ndig ausspricht und dadurch seine potentielle Vieldeutigkeit verliert.\u00a0Im Leisen dagegen sind die beide Extreme, das Verstummen und das Laute quasi als M\u00f6glichkeiten enthalten.\u00a0Wir finden wieder das sch\u00f6ne Paradoxon, da\u00df das Leise also viel reicher als das Laute, das vermeinlich Schwache viel st\u00e4rker als das Starke ist.\u00a0Das Affirmative, das Festgelegte, das bereits Entschiedene hat seine Energie eben in dieser Erstarrung eigentlich verloren.\u00a0Das Zarte und das Kleine erfordern allerdings auch erh\u00f6hte Aufmerksamkeit und Zuneigung im w\u00f6rtlichen Sinne. \u00a0Man wendet sich dem Klang zu, \u00fcberwindet die Distanz zum Klang die in Momenten gr\u00f6\u00dfter n\u00fcchternen Intensit\u00e4t g\u00e4nzlich zu verschwinden scheint.<\/p>\n<p><b>2.<br \/>\n<\/b><b>ger\u00fchrte musik.<br \/>\n<\/b>Eine zentrale Eigenschaft des Klanges der meisten Instrumente ist die Fl\u00fcchtigkeit. Wenn man nun bestrebt ist den Klang in seiner F\u00fclle h\u00f6rend zu durchmessen ben\u00f6tig man aber Zeit.\u00a0In der Musikgeschichte haben sich zwei \u00e4hnliche Strategien entwickelt, um diesen Widerspruch aufzul\u00f6sen: Es sind die verwandten Techniken der Repetition und der Figuration. Dabei nutzt man den scheinbar noch gr\u00f6\u00dferen Widerspruche, der darin besteht, da\u00df die Steigerung der Geschwindigkeit mit der ein einzelnes Ereignis eintritt und vergeht zu einer Stabilisierung eines statischen Gesamtklanges f\u00fchrt. Extremes Tempo f\u00fchrt zu einer fast v\u00f6lligen Konstanz des musikalischen Informationsgehaltes und erm\u00f6glicht daher die h\u00f6rende Durchdringung dieses zustandhaft schwebenden Klanges.\u00a0Zus\u00e4tzlich kann aber auch der Effekt eintreten, da\u00df wie bei der Herstellung von Buttercreme oder von Mayonnaise, durch das schnelle R\u00fchren und Sch\u00fctteln Zutaten zusammenhalten die sich eigentlich nicht verbinden lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. wie bitte?! Ein Gitarrist hat mir erz\u00e4hlt, da\u00df er als Kind ein zweites Loch in die Resonanzdecke seiner Gitarre ges\u00e4gt hat, um lauter spielen zu k\u00f6nnen, also um einer gr\u00f6\u00dferen Menge von Klang die M\u00f6glichlkeit zu geben aus dem Dunkel des Korpus hinauszukommen. 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